18. Mai 2026 · 5 Min Lesezeit
Die Mietwohnung mit dem goldenen Schlüssel
Drei Probleme, die in jedem zweiten Wix-Umzug auftauchen — und was sie über die Architektur von Baukasten-Systemen verraten.
Etwa ein Drittel unserer neuen Projekte sind Umzüge — meistens von Wix, manchmal von Squarespace, gelegentlich von Jimdo. Drei Probleme tauchen dabei wiederkehrend auf. Sie sind kein Zufall, sondern eine Folge davon, wie Baukasten-Systeme architektonisch gedacht sind.
Texte, die in Slots gequetscht wurden
Wix-Templates haben fest definierte Text-Slots — eine Hero-Überschrift mit maximal sechzig Zeichen, eine Subline mit maximal hundertzwanzig, ein Über-uns-Abschnitt mit dreihundert. Inhaber haben über Monate hinweg ihre Texte in diese Slots gequetscht. Wenn wir migrieren, sind die Sätze entweder abgehackt, weil das Limit voll war, oder krampfhaft gestreckt, weil die Slot-Fläche gefüllt werden musste.
Das heißt: bei jedem Umzugs-Projekt schreiben wir dreißig bis sechzig Prozent der Texte neu. Nicht aus Eitelkeit, sondern weil die alten Sätze schlicht nicht zum neuen Layout passen — und nebenbei oft auch nicht zum echten Geschäft des Inhabers. Wer Jahre lang nach Slot-Maßen geschrieben hat, hat irgendwann verlernt, frei zu formulieren.
Bilder, die im fremden CDN gefangen sind
Wix hostet Bilder auf einem eigenen Auslieferungs-Netzwerk. Wenn man die Seite kündigt oder migriert, werden diese Bild-URLs nach kurzer Zeit ungültig. Inhaber haben aber selten die Original-Dateien — die Wix-Editor-Galerie war ihr einziger Speicher, und der ist weg, sobald die Karte gekündigt wird.
Deshalb beginnen wir jede Wix-Migration mit einem Bilder-Sweep: alle vorhandenen Bilder von der bestehenden Seite herunterladen, prüfen, welche brauchbar sind (oft die Hälfte ist zu klein oder zu stark komprimiert), den Rest neu anfordern oder selbst neu fotografieren. Planzeit: ein halber Tag, manchmal mehr.
Eine Suchmaschinen-Historie, die niemand kennt
Wix gibt seinen Auftraggebern keine vernünftige Analyse darüber, welche Unterseiten in den letzten zwölf Monaten Traffic bekommen haben. Wenn wir migrieren, brauchen wir aber genau diese Information — sonst riskieren wir, dass eine Unterseite, die monatlich fünfzig Besucher von Google bringt, einfach verschwindet und niemand bemerkt es, bis sechs Monate später die Anfragen einbrechen.
Die Lösung beginnt vor der Migration: Google Search Console aufsetzen, falls noch nicht vorhanden, vier Wochen mitlaufen lassen, danach einen Strukturplan erstellen — welche URLs bleiben, welche werden umgeleitet, welche fallen weg. Das ist aufwändig. Es ist auch der Unterschied zwischen einer Migration, die funktioniert, und einer, die monatelang stillen SEO-Schaden anrichtet.
Die Mietwohnung
Baukästen sind nicht falsch. Für Solo-Selbstständige, die ihre Seite eigenhändig pflegen wollen, sind sie eine vollkommen vernünftige Wahl. Aber sie sind eine Mietwohnung, kein Eigentum. Wer ausziehen will, muss Möbel, Wände, manchmal sogar die Heizung zurücklassen. Das ist ein hoher Preis — und die meisten Inhaber zahlen ihn erst, wenn er fällig wird.
Eine ordentlich gebaute eigene Seite gehört Ihnen. Eine Baukasten-Seite ist eine Mietwohnung mit goldenem Schlüssel — solange Sie zahlen.
